Parthenogenese oder verzögerte Befruchtung?

Ich musste für diesen Bericht meine Aufzeichnungen ganz schön weit zurückgehen und möchte dies auch verwerten, indem ich chronologisch meine Erlebnisse mit einem Weibchen von Thamnophis sirtalis sirtalis, welches am 20. Juli 2001 von einer trächtig eingeführten Natter im Terrarium geboren wurde, wiedergebe.

Die Vorgeschichte

T. s. sirtalis Bild 054Am 4. August 2001 erwarb ich also drei knapp 14 Tage alte Jungtiere der Östlichen Strumpfbandnatter. Wenn ich einmal von meinem Schock absehe, dass das kleine Weibchen auf der Autofahrt nach Hause aus dem Transportbehälters entwich, sich aber glücklicherweise zwei Tage später putzmunter vor meinem Beifahrersitz wieder anfand, hatte ich in den ersten Wochen nach dem Erwerb nur Freude an den drei recht zutraulichen und gierigen Nattern.

Mitte November 2001 entdeckte ich jedoch, dass der Bereich um die Kloake des Weibchens massiv angeschwollen war. Ich versuchte ganz vorsichtig festzustellen, ob es sich nur um Kot handeln könnte (Bodensubstrat kam nicht in Frage, da die Jungtiere auf Küchenpapier aufgezogen wurden), badete das Tier und suchte darauf hin sogleich meinen Tierarzt auf. Dieser diagnostizierte einen übermäßigen Befall mit Flagellaten, genauer gesagt dem bedenklichen Erreger Rigomastix. Es folgte eine recht schnell zur Genesung des Tieres führende Behandlung mit METRONIDAZOL und nachdem ich die beiden Männchen ebenfalls hatte untersuchen lassen, setzte ich die drei Nattern wieder in ihr selbstverständlich komplett gereinigtes und desinfiziertes gemeinsames Aufzuchtbecken.

In der Folgezeit stellte sich jedoch rasch heraus, dass das eben noch vom Tierarzt wieder „gesund geschriebene“ Weibchen merklich weniger Futter aufnahm als die beiden Männchen und bedingt dadurch auch in ihrer Entwicklung ein ganzes Stück zurücklag. Das verunsicherte mich dermaßen, dass ich die drei Nattern am 7. Juni 2002 endgültig nach Geschlechtern getrennt in verschiedenen Terrarien unterbrachte. Schon recht verzweifelt leitete ich vom 15. Juli 2002 bis 28. August 2002 schließlich eine Winterruhe im Kühlschrank bei ca. 7,5 °C ein. Auch im Anschluss an diese (heute weiß ich das) übereilte Maßnahme ging es nicht so recht vorwärts mit dem kleinen Weibchen. Am 7. April 2003 schließlich ließ ich erneut eine Kotprobe des „mickrigen“ Weibchens untersuchen und zu meinem regelrechten Entsetzen war sie erneut mit dem Erreger Rigomastix befallen.

Nach neuerlicher Behandlung folgten nun noch einige Verabreichungen von BIRD BENE BAC, um den Stoffwechsel der wie ich sie mittlerweile schon betitelte „Mickrigen“ zu beleben. Am 6. Mai 2003 war sie denn auch gemäß Kotprobe frei von Erregern und in der Folgezeit auch meist bereit zumindest eine Kleinigkeit zu fressen. Am 18. Dezember 2003 startete sodann die kühle Phase der zweiten Winterruhe für sie, welche am 31. Januar 2004 beendet wurde.

Die Ereignisse im Jahr 2004

Ich staunte nicht schlecht, als meine „Mickrige“ in den folgenden Wochen mehr als doppelt so viel Futter aufnahm, wie ich es von ihr jemals gewöhnt war. Ich bekam sie zwar meist eher aus Versehen am Vormittag einmal zu sehen, aber ihr Futter (anfänglich Stinte und kleine Babymäuse - plötzlich aber auch Babyratten) war jedes Mal komplett gefressen worden. Ich begann wieder, richtig Mut zu schöpfen was die Zukunft der Natter anging. Ich hatte ehrlich gesagt gar nicht mehr erwartet, dass sie sich irgendwann einmal fangen würde.

Am 10. Mai 2004 reinigte ich ihr Terrarium und bei dieser Gelegenheit musste sie natürlich kurz in eine kleine Faunabox umziehen (für eine lediglich 60 cm lange Schlange wie sie es ist, kann ich glatt die kleinste Faunabox nehmen die ich habe...). Am Tier selbst fiel mir nichts Ungewöhnliches auf. Sie war seit Februar 2004 doch merklich gewachsen und machte einen ordentlichen Eindruck (demnächst würde sie sich wieder häuten - dachte ich noch).

Zwei Tage später, am 12. Mai 2004, blieb mir beim Wasserwechsel kurz die Luft weg. Im Terrarium der eigentlich ja ehemaligen „Mickrigen“ lag ein ziemlich großes Stück „Irgendwas“. Ich dachte als erstes, dass meine neuerlich geschöpften Hoffnungen sich nicht erfüllen würden und die Natter nun Blut und Schleim abgesetzt hätte und vermutlich schon halb tot in ihrem Versteck lag. Ich sammelte mit einer kleinen Schaufel den noch frisch glänzenden Klumpen aus dem Terrarium und begutachtete ihn. Meine Kamera stand noch neben den Terrarien und so knipste ich einige Fotos des fragwürdigen Gebildes. Dank Zoom und Blitzlicht wurde ich jedoch schnell auf einige seltsame Formen in diesem Klumpen aufmerksam.

T. s. sirtalis Bild 055Ich entfernte die noch anhaftenden Buchenspäne und siehe da: Was ich da aus dem Terrarium gefischt hatte, war zwar durchaus mit Blut und Schleim behaftet, sollte aber eine Eihülle darstellen. Diese zog ich denn auch sofort ab, um mir alles genauer anzuschauen und auch noch einige Fotos zu knipsen.

Das in der Eihülle befindliche Schlänglein war zweifelsohne missgebildet und nicht mehr am Leben. So konnte ich beim besten Willen nichts ausmachen, was mich an zwei Natternaugen erinnert hätte. Später als ich das Tier aufrollen wollte um es zu messen, stieß ich sogleich auf Widerstand, denn auch die Wirbelsäule schien mehr als einmal verkrümmt zu sein. Im Terrarium des Weibchens fand ich noch ein wenig Wachsei-Matsch, welchen sie beim Darüberkriechen hier und da verteilt hatte. In der Summe konnte es sich hierbei aber eigentlich nur um ein einziges Wachsei gehandelt haben.

Seit dem 7. Juni 2002 (damaliges Alter: 10,5 Monate) lebte dieses Weibchen nun ohne Artgenossen in einem Terrarium. Jetzt Mitte Mai 2004 ist sie 2 Jahre und 10 Monate alt und hat ohne Zutun eines Männchens ein an sich vollständig entwickeltes, aber missgebildetes Junges im Terrarium abgesetzt. Ist es wahrscheinlich, das sie sich im Alter von 10,5 Monaten mit einem der gleichaltrigen Männchen gepaart hatte und sich eine Trächtigkeit über 1 Jahr und 11 Monate verzögerte - zumal sie zwischenzeitlich zwei Winterruhen und eine alles andere als schonende medizinische Behandlung durchzumachen hatte?

Ich bin da eher am Zweifeln. Normalerweise mögen nachgezogene Thamnophis-Babys ja ein wenig schneller bereit zur Vermehrung sein als es die Nattern in der Natur sind, aber ausgerechnet dieses Tier? Zu hundert Prozent wissen würde ich nur etwas, wenn die Natter kurz nach der Geburt ein für alle mal separiert aufgezogen worden wäre. Ich tippe jedoch darauf, dass sie sich durch Jungfernzeugung (Parthenogenese) fortgepflanzt hat. Mein Tierarzt Dr. Mutschmann sieht das ganz ähnlich, aber um völlige Gewissheit zu haben, hätte die Natter eben auch in den ersten Lebensmonaten separiert aufgezogen werden müssen.

T. s. sirtalis Bild 056T. s. sirtalis Bild 057

Auf jeden Fall war dies so ziemlich die überraschendste Entdeckung, welche ich in den bis dato dreieinhalb Jahren Haltung von Thamnophen machen konnte bzw. musste.

Eine weitere 'Überraschung'

Als wäre das oben Beschriebene nicht doch schon seltsam genug, musste ich am 11.06.2004 feststellen, das eines meiner Weibchen der Rotseitigen Strumpfbandnatter (T. sirtalis parietalis) am Morgen damit begann Wachseier abzusetzen. Dies ist leider nichts Außergewöhnliches, auch wenn wie hier das Weibchen längere Zeit keinen Kontakt zu einem Männchen gehabt hatte. Im Falle dieser Natter hatte die letzte Begegnung mit einem Männchen am 23.01.2003 stattgefunden, lag also zur Beendigung der Winterruhe ziemlich genau ein Jahr zurück. Das Weibchen brauchte sehr lange um die Wachseier loszuwerden, so das ich nach langem Warten meinen geplanten verlängerten Wochenendausflug antrat und noch im stillen hofffte, das es hoffentlich nicht allzu stark im Terrarium 'stinken' würde, wenn ich wieder heimkäme. Für eine Nachzucht war das Weibchen in 2004 gar nicht 'eingeplant' gewesen, hatte es doch im vergangenen Jahr Ende März 2003, 33 lebendige Jungtiere geboren.

T. s. parietalis Bild 109

Am darauf folgenden Montag, dem 14.06.2004, räumte ich natürlich sofort das Terrarium frei und fand hierbei neben einigen Stücken von Wachseiern (die genau Anzahl ließ sich nicht ermitteln) auch ein noch in der Eihülle verendetes oder wahrscheinlicher bereits totgeborenes Jungtier. Das Kleine war verglichen mit den Jungtieren des Weibchens vom Vorjahr recht klein, schien aber vollständig entwickelt zu sein. Durch die ungünstige Lage im Terrarium war es ziemlich ausgetrocknet, so das ich es zwecks Betrachtung erst einmal aufweichen mußte.

Worum könnte es hierbei nun wieder handeln? In Betracht kommen wieder beide Möglichkeiten; zum einen Jungfernzeugung, zum anderen eine verzögerte Befruchtung. So kurz nach einer Trächtigkeit fällt es aber schwer an Jungfernzeugung zu glauben. Auf der anderen Seite erscheint es auch etwas seltsam, wenn ein Weibchen ein Jahr nach erfolgreicher Geburt von Jungtieren ohne männlichen Kontakt plötzlich ein einzelenes Jungtier ausbildet. Eine Erklärung oder Lösung kann ich also auch hier nicht bieten - schade eigentlich!

T. s. parietalis Bild 110 T. s. parietalis Bild 111

(Der erste Teil dieses Berichtes wurde ursprünglich in der EGSA-Zeitschrift 'The Garter Snake 03/2004' veröffentlicht.)

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