Ein Holsteiner Mädel frostet im August

Kuehlschrank Bild 01Das war mal wieder so eine Sache. Das Weibchen meiner drei 'Holsteiner' Nattern, Nr. 03 (Thamnophis sirtalis sirtalis), machte mir schon einige Zeit etwas Sorgen. Ganz anders als die beiden Männchen verweigerte sie immer öfter ihr Futter und ließ sich schließlich meist nur durch einen Tau- oder Regenwurm zur Futteraufnahme überreden.

Ich ließ sie vom Tierarzt untersuchen, jedoch wurde festgestellt, das es ihr an nichts fehlte. Der Tierarzt merkte aber auch an, das sie ungewöhnlich klein sei und vielleicht sowas wie ein 'Mickerling' sei.

Die kleine Nr. 03 tat mir schon richtiggehend leid und nachdem ich sie nicht zum regelmäßigen Fressen von nahrhaftem Futter bringen konnte, erinnerte ich mich an die Geschichten darüber, das manche Halter ihre nichtfressenden Kornnatter-Babys unabhängig von der reellen Witterung draußen für einige Wochen in die Winterruhe per Kühlschrank schicken würden. Anschließend sollten alle Probleme behoben sein - natürlich nur, wenn die kleinen Schlangen das auch überlebten.

Nun Nr. 03 war weder eine Kornnatter noch ein Baby (auch wenn sie mit 35 cm sehr klein war, stand sie doch gerade ganz kurz vor ihrem 1. Geburtstag) - was sollte ich also tun? Seit einigen Wochen hatte ich die beiden deutlich größeren Männchen bereits in ein neues Terrarium verfrachtet und bot ihr immer wieder Futter an, welches fast immer wieder ignoriert wurde. Zuletzt häutete sie sich am 21.06.2002 und ignorierte fortan alle meine gutgemeinten Fütterungsofferten. Da die kleine Schlange anfangs die gierigste unter den drei Holsteinern gewesen war, war das wirklich beängstigend.

Kuehlschrank Bild 02Ich überlegte hin und her. Es gab im Prinzip nur zwei Möglichkeiten. Entweder gehörte sie nunmehr in die Kategorie 'lebensschwach' oder irgend etwas Grundlegendes paßte ihr nicht und mußte sich ändern. Da die beiden Männchen aber, wie sich das für Östliche Strumpfbandnattern gehört, lebenslustiger nicht hätten sein können, nahm ich meine Gedanken hinsichtlich der eigentlich für 2002 gar nicht geplanten Winterruhe von Nr. 03 wieder auf.

Nun, es war gerade mal Juli - und bis zum Zeitpunkt einer regulär möglichen Winterruhe waren es noch viele Wochen - zu viele!

Ich beschloß also sozusagen hart durchzugreifen, so unvernünftig es klingen mag - am 14.07.2002 verbrachte Nr. 03 die Nachtruhe bei 17 °C auf dem Balkon und am nächsten Morgen stellte ich die kleine Überwinterungsbox samt Nr. 03 in den Kühlschrank. Gleich daneben postierte ich den Temperatur-/Luftfeuchtemesser und starrte immer wieder ungläubig auf die angezeigten Temperaturen, welche in den kommenden Wochen 4-7 °C, einmal sogar nur 2,3 °C, betrugen.

Die Überwinterungsbox war eine 23x17x12 cm (LxBxH) große Plastebox aus dem Baumarkt, welche ich bisher verwendet hatte um meine Nattern unbeschadet zum Tierarzt zu bringen. Im Deckel befanden sich selbstverständlich Luftlöcher und ausgestattet hatte ich sie mit Küchenpapier (ganz unten), Vitakraft-Waldbodenüberstreu (als Polster) und einer kleinen Wasserschale (Durchmesser 10 cm).

Kuehlschrank Bild 03Gleich am ersten Tag im Kühlschrank bildete sich eine Menge Kondenswasser am Deckel der Box - war das nun gut oder nicht? Die Meinungen hierüber gehen scheinbar stark auseinander. Man hat aber auch festgestellt, das das Verhältnis der erforderlichen Feuchtigkeit während der Winterruhe mit zunehmend kälteren Temperaturen steigt. Also beschloß ich nichts an diesem Zustand zu ändern.

Das Verhalten eines Reptils kann man nicht wirklich interpretieren, aber als ich bei meinen wöchentlichen Kontrollen der Box feststellte, das meine kleine Nr. 03 ihre Winterruhe auch noch in (!!) der Wasserschale verbrachte und hierbei nur mit der 'Nasenspitze' aus dem Wasser guckte, nahm ich an, das ihr die generelle Feuchte durchaus nicht unrecht war. An dieser Stelle muß ich die hervorragende Qualität der Waldboden-Überstreu der Firma Vitakraft noch einmal hervorheben. Mir ist kein anderes Substrat aufgefallen, welches sich für 'meine' Winterruhezwecke besser eignen könnte. Zu keinem Zeitpunkt dieser recht extremen Aktion schimmelte oder faulte irgend etwas in der kleinen Box.

Die ersten zwei Wochen dieser (wie ich im stillen immer wieder dachte) idiotischen Winterruhe waren der pure Horror für mich. Ständig mußte ich daran denken, das ich der kleinen Nr. 03 vielleicht gerade jetzt ihr kleines Lebenslicht ausblies. Mit der Zeit wurde ich jedoch zuversichtlicher und ruhiger. Schließlich konnte ich immer wieder feststellen, das Nr. 03 es irgendwie schaffte sich bei diesen unwirtlichen Temperaturen von der Wasserschale in die Streu oder umgekehrt zu bewegen.

Die letzte Frage blieb nun: Wie lange sollte das noch so gehen? Bei meinen diesbezüglichen Überlegungen floß mit ein, das Nr. 03 in diesem Sinne kein echtes Nachzucht-Tier war. Die Mutter meiner kleinen Holsteiner wurde trächtig als Wildfang importiert. Im Bündel der eingeführten Nattern fand sich ebenfalls eine einzelne Chicago-Strumpfbandnatter (T. sirtalis semifaciatus), welche aus einem ziemlich begrenzten und schon recht weit nördlich liegenden Teil der USA stammen mußte. Somit schlußfolgerte ich mangels genauerer Informationen über die Herkunft der Nattern, das ihr Ursprung dort im 'hohen Norden' der USA liegen könnte. Somit wären die Temperaturen, welche ich Nr. 03 nunmehr aufhalste zumindest im Winter überhaupt nichts Ungewöhnliches.

Kuehlschrank Bild 04Ich ließ mir die Entscheidung offen, denn ich befürchtete, das eine zu kurze echt kalte Winterruhe der kleinen Natter weit mehr schaden könnte, als eine 'ordentliche' (darunter verstehe ich so ungefähr eine 6-8-wöchige Winterruhe). Ich führte weiterhin die wöchentlichen Kontrollen durch und war mittlerweile wirklich gespannt, wie Nr. 03 insbesondere den unausweichlichen Temperatursprung von Kühlschrank zu nächtlichem Balkon aufnehmen würde.

Am 26.08.2002 führte ich wie geplant die wöchentliche Kontrolle der kleinen Natter durch und mußte erschreckt feststellen, das sie ganz trübe Augen hatte! Das hatte mir bei den tropischen Temperaturen draußen gerade noch gefehlt! Aber für mich stand fest, das die Winterfröstelei von Nr. 03 noch am selben Tag ein Ende finden mußte. Gespannt schaute ich immer wieder auf das auf dem Balkon aufgestellte Thermometer, aber die Temperaturen wollten einfach nicht unter 26 °C sinken! Ich holte also aus dem Keller eine Styroporbox und stellte diese im Kühlschrank ebenfalls kühl. Ich erhoffte mir so, das die Box den Temperatursprung vom Kühlschrank zum Balkon nicht allzu derb ausfallen lassen würde.

Am nächsten Morgen öffnete ich die Styroporbox kurz und war erfreut, als tatsächlich etwas kühle Luft entwich. Anschließend stellte ich die Box leicht geöffnet in eine dunkle Ecke der Wohnung. Diesen Tag und die kommende Nacht verbrachte Nr. 03 in einer dunklen Ecke und am kommenden Nachmittag setzte ich sie in ein Terrarium. Bereits nach zwei Tagen fand ich ihre abgestreifte Haut im Terrarium. Das war für mich irgendwie ein Rätsel - Hätte sie sich auch im Kühlschrank gehäutet, oder wie sollte das funktionieren? Ich hoffe nun sehr, das Nr. 03 demnächst wieder wie in 'alten Zeiten' ans Futter geht. Derzeitig wechselt sie zwischen den Extremen: entweder eingebuddelt aus den Spänen herausguckend oder den ganzen Tag auf dem Ast unter dem Wärmespot.

T. s. sirtalis Bild 046T. s. sirtalis Bild 045


Ergänzung vom 15.09.2002:

Am 30.08.2002 häutete sich Nr. 03 so einigermaßen.... Am 15.09.2002 häutete sie sich gleich noch einmal. Entweder lag es an der Feuchte im Überwinterungsbehälter oder an den mit der ersten Fütterung verabreichten Vitaminen: beide Häutungen verliefen leider nicht problemlos. Während ich nach der ersten Häutung die Brille manuell entfernen mußte, war die zweite Häutung eine richtige Katstrophe.

Schon einen Tag vor der zweiten Häutung sah Nr. 03 aus, als würde sie sich auflösen! Die gesamte Haut hing eher schlaff um ihren Körper und ich bekam einen Riesen-Schreck. Für den nächsten Morgen hatte ich auf eine irgendwie halbwegs vernünftig abgestreifte Haut gehofft - wurde jedoch enttäuscht. Nr. 03 lag unter der Wasserschale und die 'spreiselige Haut' stand festgestrocknet von ihrem Körper ab. Ich besprühte das kleine Becken und stellte, um Nr. 03 etwas munterer zu machen, ein paar Fische ins Terrarium. Nach fast zwei Stunden hatte sie es geschafft sich vollkommen aus der zerfetzten Haut zu befreien. Immerhin genehmigte sie sich im Anschluß auch das Futter.
Ein wenig mulmig ist mir jedoch doch. Denn eine derartig miserable Häutung hat mir noch keine meiner Schlangen dargeboten.
Hoffentlich bleiben diese beiden Patzer die Ausnahme!


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